Dr. Andreas Degner / Tischlermeister

degner
Robert Iwanetz
 

Von der Quantenmechanik an die Hobelbank

 

Wenn Andreas Degner in seiner eigenen Werkstatt steht und ein Stück Holz sägt, reicht ihm allein der Geruch, um zu wissen, dass er die richtige Entscheidung getroffen hat. "Ich bin immer noch fasziniert davon, wie man aus diesem urwüchsigen Zeug, was im Wald herumliegt, solche edlen, schönen Dinge herstellen kann", sagt der frischgebackene Tischlermeister, der für seine Kunden individuelle Möbel bauen will. Dabei war vor einigen Jahren noch nicht einmal im Ansatz absehbar, dass er einmal als Handwerker sein Geld verdienen würde.

Degner war lange Zeit in der akademischen Welt zu Hause. Nach seinem Diplomstudium der Physik in Chemnitz und Leipzig promovierte er anschließend noch in Hamburg über Quantenfeldtheorie. Doch eine richtige Heimat wurde ihm die Forschung nie. „Ich hatte ein bisschen das Gefühl, ein Fachidiot zu werden“, erzählt der 36-Jährige. Dazu kamen die Probleme – trotz Doktortitel – einen erfüllenden Beruf zu finden. Am Ende realisierte er, in einer Sackgasse gelandet zu sein – und wagte einen großen Bruch in seiner Karriere.
 

Erst Doktor-, dann Meistertitel

Andreas Degner begann ein neues Kapitel: als Allround-Handwerker in einer Sanierungsfirma. Er schleift Fußböden, arbeitet alte Holzfenster auf, reißt Trennwände ein. 

Das neue Arbeitsumfeld gefällt ihm und er entschließt sich für eine Ausbildung zum Tischler.

Seine Lehre absolviert er im Leipziger Betrieb "Rolling Homes", einem Unternehmen, das Bau- und Zirkuswagen konstruiert und ausbaut. "Das war unglaublich abwechslungsreich", erinnert sich Degner. Er lernt, wie man Lochzapfenverbindungen verbaut, Dächer deckt, Fenster einbaut, Dielen verlegt – und wie man Möbel baut.

 
"Ich möchte Dinge fertigen, die so schön und wertig sind, dass man sie vielleicht sogar vererben will."
 

Schon während seiner Ausbildung merkt er schnell, dass er eigene Vorstellungen von Produktionsabläufen, Kundengesprächen und Konstruktionsideen hat. Ihm wird klar, dass er sich einmal selbstständig machen will. "Dafür wollte ich den Meistertitel", sagt Andreas Degner. Weil er jedoch als Doktor der Physik kein 'Meister-BAföG' erhielt, mussten fast seine gesamten Ersparnisse dran glauben. Anfang 2019 schafft er seinen Abschluss in der Vollzeit-Ausbildung. Als Meisterstück baute er einen Esstisch aus massiver Eiche mit aufwendig gestalteter Maserung der Tischplatte.

Im Sommer hat er sich nun in das Abenteuer "Selbstständigkeit" gestürzt. Sein Ziel ist es, einmal vom Möbelbau leben zu können. Mit Stühlen, Tischen, Schränken vornehmlich für Privatkunden. Alles hochwertige Unikate. "Ich habe nicht vor, mir eine Furnierpresse anzuschaffen", sagt er lachend. "Ich möchte stattdessen Dinge fertigen, die so schön und wertig sind, dass man sie vielleicht sogar vererben will und nicht wie 90 Prozent der heutigen Möbel nach ein paar Jahren auf den Müll schmeißt." 

 Von Robert Iwanetz