Tim Wagner / Tischlermeister

In der Werkstatt aufgewachsen

 

Seine Leidenschaft für Holz musste niemand aufwendig wecken. Tim Wagner ist praktisch in der Werkstatt seiner Familie aufgewachsen. "Als Kleinkind habe ich schon in meinem Bettchen am Ofen bei der Hobelbank gelegen", erzählt der heute 29-Jährige. Später baute Tim Wagner aus den anfallenden Holzresten seine erste Spielzeugautos.

"Für mich gab es deshalb nie etwas anderes, als auch Tischler zu werden", sagt der frischgebackene Jungmeister. Damit repräsentiert er die vierte Generation in der Leipziger Tischlerei Wagner. 1919, vor genau 100 Jahren, ist der Betrieb das erste Mal in den Annalen des Handwerks erwähnt. "Für mich ist es ein überwältigendes Gefühl, diese Tradition weiterführen zu können", sagt Wagner, der am Anfang seiner Lehre noch mit seinem Großvater Martin zusammenarbeitete. Dieser brachte ihm auch das Rechnungswesen näher.

Ursprünglich wollte er seine Ausbildung in einem anderen Unternehmen absolvieren – auch um frische Eindrücke mit in den Familienbetrieb zu bringen. Doch als sich diese Möglichkeit kurzfristig zerschlug, lernte er unter seinem Vater Manfred Wagner. Viel später sammelte er dennoch weitere Erfahrungen außerhalb der Firma im Montage-Betrieb und Messe-Bau – und merkte schnell, wie sehr ihm der Familienbetrieb letztlich am Herzen liegt. "Es ist einfach persönlich bei uns", erzählt der Tischlermeister.

Aktuell besteht die kleine Tischlerei nur aus ihm und seinem Vater. Die beiden erledigen unterschiedlichste Aufträge gemeinsam: Die Arbeiten reichen vom einfachen Türen einkürzen, über Zuarbeiten für andere Bautischlereien bis zu aufwendigen Toren und Möbeln nach Maß. "Bei uns steht niemand den ganzen Tag an derselben Maschinen, dadurch wird es nie langweilig", sagt Tim Wagner, der seine Meisterausbildung in einem Jahr in Vollzeit durchzog. Dafür hatte er sich vorher ein finanzielles Polster aufgebaut.

Die Rückkehr auf die Schulbank fand er anfangs schwierig. Doch je praktischer es wurde, desto größer war seine Motivation. Das große Highlight war die Konstruktionsphase für sein Meisterstück: ein edles, bodentiefes Sideboard aus Ahorn- und Zebranoholz mit Edelstahl-Fußgestell. "Auch wenn ich damals von morgens bis abends in der Werkstatt stand, war es eine großartige Zeit, sich gestalterisch ausdrücken zu können", rekapituliert er.
 

 
"Es ist ein überwältigendes Gefühl, die handwerkliche Familientradition weiterführen zu können."
 

Dank galt in dieser Phase vor allem seiner Frau Marie. "Ohne ihre Hilfe hätte ich das alles nicht geschafft". Denn es kam einiges zusammen in diesem Jahr: Zwei Tage nachdem sich das Paar einen Hochzeitstermin ausgesucht hatte, kam die Bestätigung für die Anmeldung an der Meisterschule ins Haus geflattert. Die Hochzeit war dann eine Woche nach der Prüfung für die Fachtheorie.

Für Tim Wagner geht es nun weiter mit dem Lernen. Seit September hat er die Aufstiegsqualifikation "Geprüfter Betriebswirt nach der Handwerksordnung" begonnen, um seine unternehmerischen Fähigkeiten zu verbessern. Sein Vater Manfred ist schließlich bereits 65 Jahre alt. Ein genaues Datum gibt es zwar noch nicht, aber die Betriebsübergabe steht an. Spätestens zum Jahreswechsel von 2020 auf 2021 soll Tim Wagner allein die Geschicke des Familienunternehmens leiten.

 Von Robert Iwanetz
 

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Robert Iwanetz