Medieninformation vom 16. Juni 2021Monatelanger Lockdown bremst die konjunkturelle Erholung in Mitteldeutschland aus
IHKs und Handwerkskammern aus Leipzig und Halle (Saale) stellen Struktur- und Konjunkturbericht 2021 vor +++ Auswirkungen der Coronapandemie haben tiefe Spuren in der gewerblichen Wirtschaft hinterlassen +++ Erst mit der vollständigen Aufhebung der Coronabeschränkungen kann die konjunkturelle Erholung wirklich Fahrt aufnehmen
Unternehmen hoffen auf baldiges und vollständiges Ende der Coronabeschränkungen
16. Juni 2021 | Nach über einem Jahr Coronapandemie sind für viele mitteldeutsche Unternehmen die Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung immens. Auch im Wirtschaftsraum Leipzig-Halle ist die Wirtschaft 2020 in die Rezession gerutscht. Die Umsätze in der Industrie sind deutlich gefallen. Insbesondere der private Konsum war durch die Coronabeschränkungen rückläufig. Der langjährige Beschäftigungsaufbau in Mitteldeutschland wurde gestoppt und die Arbeitslosigkeit ist gestiegen, wenngleich durch die starke Nutzung der Kurzarbeit größere Entlassungswellen vermieden wurden.
Der Konjunkturklimaindex für die mitteldeutsche Wirtschaft steigt zwar nach dem Coronaeinbruch im Jahr 2020 von rund −20 auf +18 Punkte wieder an, ist aber noch weit von der Normalität entfernt. So lag der Index vor der Coronapandemie (2019 = 83 Punkte) noch um ein Vielfaches höher. Die Hoffnung auf eine schnelle konjunkturelle Erholung nach dem ersten Coronaschock im Frühjahr 2020 hat sich bislang noch nicht erfüllt. Der zunächst erfolgreiche Aufholprozess wurde durch den zweiten Lockdown ab Herbst wieder massiv ausgebremst. Das Vorkrisen-Niveau bleibt weiterhin unerreicht.
Durch die unterschiedliche Betroffenheit der Betriebe von den Coronabeschränkungen verlief auch die geschäftliche Entwicklung in den vergangenen zwölf Monaten äußerst zwiespältig. IHK-Präsident Kristian Kirpal: »Die Lage im produzierenden Gewerbe hat sich gegenüber dem Vorjahresstand zuletzt durchaus verbessert. Ganz im Gegensatz zur Situation im Handel, im Verkehrs- und Dienstleistungsgewerbe sowie in der Tourismuswirtschaft. Hier hat sich die Lage in vielen Firmen insbesondere durch die lang anhaltenden Einschränkungen nochmals zugespitzt.«
»Im Handwerk haben sich die Lagebeurteilungen der Unternehmen insgesamt zwar deutlich aufgehellt, aber dennoch sind Unterschiede zwischen den Gewerken auszumachen. Vor allem in den kontaktintensiven, personenbezogenen Handwerken war die Entwicklung problematisch«, sagte Handwerkskammerpräsident Thomas Keindorf.
Die Geschäftserwartungen haben sich nach dem »Coronaabsturz« vor einem Jahr zwar in allen Wirtschaftsbereichen wieder erholt. Dennoch liegt der Erwartungs-Saldo immer noch mit sieben Prozentpunkten im negativen Bereich. Die Zuversicht ist weiterhin verhalten und es machen sich vielfach noch skeptische Töne bemerkbar. Erst mit der weitgehenden Aufhebung der Coronabeschränkungen dürfte die Konjunkturerholung endgültig wieder Fahrt aufnehmen. Trotz diverser Lockerungen in den vergangenen Wochen sind viele Unternehmen von einer ungehinderten Geschäftstätigkeit noch weit entfernt und bedürfen weiterer Unterstützung.
»Zur Abfederung der unmittelbaren wirtschaftlichen Folgen müssen die vorhandenen Hilfs- und Unterstützungsprogramme weitergeführt werden, bis ein selbsttragender Geschäftsbetrieb wieder möglich ist. Für Unternehmen, die keinen Zugang zu den Überbrückungshilfen haben, sind die Härtefallprogramme von Bund und Ländern schnell und unbürokratisch anzuwenden«, betont IHK-Präsident Kirpal. »Darüber hinaus sind vorübergehende Erleichterungen – wie zum Beispiel im steuerlichen Bereich der erhöhte Verlustrücktrag oder die Wiedereinführung der degressiven Abschreibung – zu verlängern. Es braucht jetzt mit aller Konsequenz und Verlässlichkeit eine Öffnung und Stabilisierung der mitteldeutschen Wirtschaft in allen Bereichen, um Investitionen und Beschäftigung wieder in Gang zu bringen.«
Auf ein aktuell sehr drängendes Problem weist Handwerkskammer-Präsident Keindorf hin: »Die weltweit steigende Nachfrage zum Beispiel nach Rohstoffen und Elektronikteilen führt, zusammen mit gestörten Lieferketten, immer öfter zu Lieferengpässen und kräftigen Preissteigerungen. So sind in den baunahen Handwerken durch Mangel an Holz und Dämmstoffen vermehrt Bauverzögerungen und deutliche Kostenanstiege zu verzeichnen. Dieser Entwicklung sollte die Politik schnell mit angepassten Preisgleitklauseln bei öffentlichen Vergaben beziehungsweise Rücktrittsrechten entgegenwirken. In besonders kritischen Bereichen der Rohstoffversorgung sollte ebenso ein Einwirken auf die Absatzpolitik der Anbieter geprüft werden. Dies gilt zum Beispiel für die staatlichen Forstbetriebe.«
Ebenfalls mahnen die beiden Präsidenten – unabhängig der Coronakrise – die stetige Verbesserung der wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen in Mitteldeutschland an. So muss die Energiewende, deren Auswirkungen durch den Kohleausstieg in der Region besonders zu spüren sind, wirtschaftsfreundlich gestaltet werden. Es darf keinen Strukturbruch wie nach der deutschen Einheit geben.