Deutsches Handwerksblatt | Ausgabe 05/2026»Lehrlinge lohnen sich ab dem ersten Tag«
Die Hälfte des Teams von Dachdeckermeister Maik Pötzsch besteht aus eigenen Lehrlingen. Über ganz Sachsen hinweg bildet er mit die meisten Azubis in seinem Gewerk aus. Was ist sein Geheimrezept für Nachwuchsförderung?
Ein Porträt von Robert Iwanetz.
Die Hälfte des Teams von Dachdeckermeister Maik Pötzsch besteht aus eigenen Lehrlingen. Über ganz Sachsen hinweg bildet er mit die meisten Azubis in seinem Gewerk aus. Was ist sein Geheimrezept für Nachwuchsförderung?
Maik Pötzsch steht kurz vor der Realisierung eines Plans, an dem er schon seit Jahren werkelt. »Ich möchte meine Baustellen vollständig digitalisieren«, so der Dachdeckermeister. Er sei es leid, darauf zu warten, bis in Deutschland endlich Funklöcher geschlossen würden. »Deshalb werden wir in Zukunft auf ein eigenes Satelliten-Internet setzen«, sagt der Geschäftsführer der Dachdeckerei Maik Pötzsch GmbH, die ihren Sitz in Beilrode bei Torgau hat. Er plant, sämtliche seiner Fahrzeuge mit Starlink-Antennen auszurüsten. »Dann können unsere Mitarbeiter auf der Baustelle die komplette Dokumentation über Tablets abwickeln, was uns in Sachen Bürokratie merklich entlasten würde.« Schon die nächsten Lehrlinge, die im Herbst in der Firma anfangen werden, sollen dann in einen fast papierfreien Betrieb einsteigen.
Moderne Technik als Argument für den Nachwuchs
Die Digitalisierung ist für ihn auch ein Schlüssel, um junge Menschen für das Handwerk zu begeistern – und ihnen eine zeitgemäße Lehre zu bieten. »Überall wird viel über Ausbildung gemeckert, aber für mich lohnen sich Lehrlinge ab dem ersten Tag«, sagt der Geschäftsführer. »Man muss sie nur richtig in die Arbeitsprozesse integrieren.«
Ich höre aus vielen Betrieben immer nur, welche Belastung Lehrlinge sind. Mich hat das eher angespornt, noch mehr für die Nachwuchsförderung zu tun.
Natürlich kennt auch er manche Gesellen, die jammern, wenn sie ein Jugendlicher auf Schritt und Tritt begleiten soll. Aber Maik Pötzsch erinnert sie dann daran, dass sie einst am selben Punkt standen. »Ich höre aus vielen Betrieben immer nur, welche Belastung Lehrlinge sind. Mich hat das eher angespornt, noch mehr für die Nachwuchsförderung zu tun.«
Breit aufgestellt: Vom Dach bis zur Kranlogistik
Sein Unternehmen hat er 2001 ganz allein, nur mit einem Akkuschrauber und einer Kettensäge in einer Garage gegründet. Heute gehört seine Firma zu den größten Dachdeckerbetrieben in Sachsen. »Wir decken mittlerweile sämtliche Bereiche ab: Dachdecker-, Dachklempner-, Zimmerer- und Maurerarbeiten an Schornsteinen, Kranlogistik, Gerüstbau und Containerdienst«, erzählt Maik Pötzsch. Gerade erst haben sie einen hochmodernen 60-Meter-Kran gekauft. »Bei der Vielfalt findet fast jeder Lehrling eine Richtung, die ihm liegt.«
Seit 2006 bildet er in den Berufen Dachdecker und Dachklempner aus. 16 Lehrlinge bestanden seitdem erfolgreich ihre Gesellenprüfung. Über die Hälfte der aktuell 19 Mitarbeiter sind mittlerweile »eigene Nachzucht«, wie Pötzsch aufzählt. Und gerade erst kamen drei ehemalige Azubis zurück, die jahrelang bei einer Fertighaus-Firma gearbeitet haben. »Chef, wir wollen wieder nach Hause, haben sie gesagt«, erzählt der Dachdeckermeister. »Mehr Wertschätzung geht nicht.«
Leistungsanreize für motivierte Lehrlinge
Ein besonderer Fall war der heutige Geselle John Patrick Josch, der als ehemaliger Hauptschulabsolvent durch gute Leistungen in der Ausbildung sogar nachträglich den Realschulabschluss anerkannt bekam – eine absolute Seltenheit. »In der Vermittlung hieß es, er sei ein hoffnungsloser Fall, aber wir haben es mit viel Willen zusammen geschafft und dann war er sogar Zweitbester in Leipzig bei seiner Zwischenprüfung.« Selbst Landrat Kai Emanuel kam vorbei und gratulierte.
Maik Pötzsch versucht, gute Leistungen durch verschiedene Anreize zu fördern. »Bei einem intern berechneten Schnitt von 3,0 erhalten unsere Azubis zunächst den von der Handwerkskammer vorgeschriebenen Tariflohn.« Wer bessere Noten schafft oder sich sehr gut auf der Baustelle anstellt, kann bereits im ersten Lehrjahr bei einem internen Schnitt von 2,0 zehn Prozent und bei einem Schnitt von 1,0 sogar zwanzig Prozent mehr verdienen.
Zusätzlich erhalten die Lehrlinge ein Deutschlandticket und zur bestandenen Zwischenprüfung ihre eigene Dachdeckerkluft. In den Wintermonaten dürfen sich die Lehrlinge eine eigene Übungswerkstatt einrichten und einen Probe-Dachstuhl mit Fledermausgauben konstruieren – als praktische Prüfungsvorbereitung. Später übernimmt die Firma zudem die Kosten für Lkw- und Kranführerscheine.
Kritik an Vergabepraxis und fehlender Wertschätzung
»Das sind alles Investitionen, die ich gerne mache«, sagt Maik Pötzsch. Trotzdem fehlt es ihm an Wertschätzung aus der Politik. Der Geschäftsführer versteht zum Beispiel nicht, wieso bei öffentlichen Ausschreibungen nur der Preis bewertet wird. »Ein Betrieb, der nichts für den Nachwuchs tut, kann natürlich günstigere Preise anbieten.« Außerdem ist er für einen deutlich strengeren Meisterzwang. »Überall dürfen Betriebe mit Ausnahmegenehmigungen geführt werden, aber dort wird niemand ausgebildet.« Er verweist auf die Statistik: Die rund 1.340 Dachdeckerbetriebe in Sachsen haben aktuell nur 420 Azubis gemeldet. »Da kann sich jeder ausmalen, wie drastisch der Handwerkermangel in Zukunft in unserem Gewerk ausfallen wird.«.