Forßbohm & Söhne Bauunternehmen GmbH
Handwerkskammer zu Leipzig

Zehn heiße Tage im Mai

Ein Porträt von Robert Iwanetz.

140 Jahre Tradition: Forßbohm & Söhne - ein Unternehmen mit Geschichte und Geschichten. das Leipziger Zentralstadion gehört zu den Vorzeigeobjekten.

Die intensivsten Stunden in der 140-jährigen Geschichte von Forßbohm & Söhne waren im Frühjahr 2002. Der unmögliche Auftrag: Nach der Holzmann-Insolvenz in wenigen Tagen das umgebaute Zentralstadion zu vollenden. Matthias Forßbohm erinnert sich noch heute an den Anruf. Es war die Woche vor Pfingsten, im Frühjahr 2002. Es war spät und er längst zu Hause. "Sie müssen sofort ins Stadion kommen, hier brennt die Luft", rief der damalige Bauleiter ins Telefon. Forßbohm dachte, eine Treppe wäre zusammengerutscht. Seine Firma, die er damals zusammen mit seinem Vater Jochen und seinem Bruder Thomas führte, hatte seit Weihnachten kleinere Arbeiten am Stadion ausgeführt. Der Maurermeister und Geprüfte Restaurator rast in die Stadt. Auf dem Weg in den hell erleuchteten Festsaal im Hauptgebäude des Stadions nimmt er zwei Stufen auf einmal. Drinnen traut er kaum seinen Augen. 25 Menschen warten dort auf ihn: die versammelte Stadtspitze sowie die Leitung der Baustelle. Dann folgt der Grund für den abendlichen Anruf: der ausführende Baukonzern Philipp Holzmann ist pleite und hat die Arbeiten eingestellt - obwohl der Oberrang noch fehlt. Um die Hoffnung auf die damals möglich scheinenden Olympischen Spiele zu wahren, muss der Bau bis zur geplanten Turngala am 23. und 24. Mai 2002 fertigwerden.
 

Arbeiten rund um die Uhr

Dann die entscheidende Frage: Kann seine Firma, Forßbohm & Söhne, einspringen und innerhalb von zehn Tagen das Stadion vollenden? Die Oberränge müssen betoniert und Sitzschalen montiert werden. Dazu muss die gesamte Baustelle aufgeräumt und gesichert werden. Matthias Forßbohm realisiert sofort, dass dafür Pfingsten durchgearbeitet werden muss. „Es gibt keine Angebotspreise. Es wird ein Stundenlohn vereinbart, plus Feiertags- und Nachtzuschläge“, verhandelt er. Am nächsten Morgen geht es los. Schnell ist klar, dass zwei Schichten nicht reichen werden. Die einzige Chance heißt, rund um die Uhr zu arbeiten. In den nächsten Tagen wird Matthias Forßbohm 4 Uhr nachts aufstehen und 23 Uhr ins Bett gehen - 19-Stunden-Schichten. Der damals 33-Jährige muss pausenlos organisieren. Der Akku seines Nokia-Handys ist das erste Mal vor der Mittagspause leer. Danach sieht man ihn den ganzen Tag mit einem Ladegerät im Schlepptau. "Es ließ sich vorher überhaupt nicht abschätzen, was so ein Auftrag wirklich bedeutet", erzählt Forßbohm, der auf der Baustelle 150 Arbeiter verantwortet. 50 Mitarbeiter von Forßbohm & Söhne, 20 übriggebliebene Spanier und Portugiesen von Philipp Holzmann und dazu jeder, der sich auf die Schnelle auftreiben ließ.
 

Alle mussten mitziehen

Die Mannschaft findet bald ihren Rhythmus. Riesige Betonpumpen werden ins Stadion gelegt. Tagsüber wird geschalt, nachts betoniert und morgens geglättet. Schwieriger ist der Umgang mit den Hinterbliebenen des streikenden Holzmann-Konzerns. So weigert sich ein Holzmann-Kranführer sein 100-Tonnen-Arbeitsgerät zu verlassen. Erst als Matthias Forßbohm ihm die Stromzufuhr kappt und die Klimaanlage ausgeht, ist er bereit, herunterzukommen. "Denen wurde gesagt, wir wären Streikbrecher, die ihnen die letzten Euros versemmelt haben." Abgesehen davon erlebt der Geschäftsführer einen Zusammenhalt, der sonst undenkbar auf Baustellen ist. Am Freitagnachmittag vor Pfingsten ruft die Gewerbeaufsicht an, um von sich aus, eine fehlende Genehmigung zu faxen. Am Pfingstsamstag trifft Matthias Forßbohm noch kurz vor Mitternacht einen Außendienstmitarbeiter, um kartuschenweise Baukleber zu besorgen. "Die Atmosphäre war unglaublich menschlich, weil alle merkten, dass sie mitziehen mussten." Er selbst muss vor allem die Mitarbeiter bei Laune halten, die eigentlich Pfingstausflüge geplant, Hotels und Campingplätze gebucht hatten. Weil es auf der Baustelle unglaublich heiß ist, organisiert er dreimal am Tag einen ganzen Transporter voller Getränke. Dazu gibt er persönlich jeden Abend um 18 Uhr eine 50-Euro-Antrittsprämie zusätzlich zum Lohn für jeden Arbeiter aus. "Das war wie bei den Tagelöhnern im tiefsten Mittelalter, hat aber geholfen."
 

"Das Stadion ist mein Kind"

Während die Oberränge Gestalt annehmen und Sitzschalen bekommen, liegt das Hauptaugenmerk beim Aufräumen und Sichern. Geländer müssen angebracht, Werkzeuge weggeräumt und Fallgruben verdeckt werden. Mit dabei ist auch ein besonderer Helfer: der damalige Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee. Am Pfingstwochenende steht er morgens halb sechs mit alten Gartenhandschuhen auf der Baustelle und schleppt Stadionsitze. "Er wollte ein Zeichen setzen, um die anderen zu motivieren, damit wir es auch tatsächlich schaffen", erinnert sich Forßbohm. Die Dramatik lag schließlich in der Luft: Eine geplatzte Turngala hätte eine Riesenblamage bedeutet. Der Kampf um die deutsche Olympia-Bewerbung gegen Hamburg wäre aussichtslos gewesen, weil der Deutsche Turnbund die Hälfte aller Stimmen im nationalen Olympia-Komitee innehielt. Gearbeitet wurde deshalb mit allen Mitteln bis zur letzten Sekunde. "Ich weiß noch, wie ich dem Statiker die Abnahme unterschrieben habe, obwohl die Unterlagen gar nicht da waren", erinnert sich Matthias Forßbohm, der damals sieben Kilo in den zehn Tagen abnahm.

Am Ende wird alles gut. Die Turnfestgala kann ohne Zwischenfälle stattfinden. Die Erleichterung ist riesig - auch wenn es später nichts mit der Olympia-Bewerbung wird. Matthias Forßbohm bleibt dem Stadion eng verbunden, das ein Jahr später offiziell eröffnet wird. Seine Firma hilft bei den Umbauten zum Confed-Cup 2005 und auch bei der anschließenden Weltmeisterschaft im Jahr darauf. Bis heute arbeitet er bei fast jedem RB-Heimspiel. "Das Stadion ist mein Kind", sagt der Maurermeister. "Ich kenne jede Stufe hier mit Vornamen."

Unternehmen im Fokus

Das Handwerk der Stadt Leipzig sowie der Landkreise Leipzig und Nordsachsen bildet das Fundament der regionalen Wirtschaft. Verantwortungsvolle und clevere Unternehmer stehen mit ihren Namen für Qualität und Zuverlässigkeit. Um die Bandbreite des Wirtschaftsbereichs zu zeigen, werden unter der Überschrift "Unternehmen im Fokus" in unregelmäßiger Folge Unternehmen exemplarisch vorgestellt.

Dieser Artikel ist auch im Deutschen Handwerksblatt - Ausgabe der Handwerkskammmer zu Leipzig 11/2018 erschienen.


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Dr. Andrea Wolter

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