Ehrlich Friseur GmbH.
Robert Iwanetz

Eine großartige Möglichkeit

Das Interview führte das Deutsche Handwerskblatt (DHB).
 

In Kooperation mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung bietet die Handwerkskammer zu Leipzig eine vertiefte Berufsorientierung für junge Geflüchtete und Menschen mit Migrationshintergrund an. Dazu gehört unter anderem eine Potenzialanalyse und die sozialpädagogische Begleitung während der gesamten Projektzeit, die bis zu 26 Wochen beträgt. Die Teilnehmer erhalten Einblicke in drei Berufsfelder, berufsbezogener Deutschunterricht, Fachunterricht im gewählten Beruf, Kommunikations- und Bewerbungstraining und absolvieren ein Betriebspraktikum. Über ihre Erfahrungen mit dem Projekt sprach das DHB mit Sandra Ehrlich, Geschäftsführerin der Ehrlich Friseur GmbH, und der Auszubildenden Manel Seridi.

 

Wie sind Sie auf das Projekt "Berufliche Orientierung für Zugewanderte" aufmerksam geworden?

Ehrlich: Eine Betreuerin von Manel im BOF-Projekt hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, einer Migrantin ein Praktikum anzubieten. Da wir sowieso Lehrlinge suchten, habe ich sofort zugesagt.

Seridi: Ein deutscher Freund meines Mannes kannte das Projekt. Ich wollte unbedingt Friseurin werden. Schon in Algerien habe ich während der Semesterferien immer in einem Salon ausgeholfen, der einer Freundin meiner Mutter gehörte - damals habe ich noch Verfahrenstechnik studiert. In Leipzig hatte ich bereits mehrere Bewerbungen an Friseursalons verschickt, aber nie eine Antwort erhalten. Über die Handwerkskammer klappte es dann im Mai 2020 mit dem Einstieg ins Projekt und ab September nun sogar mit einem Ausbildungsplatz.
 

Fiel Ihnen die Entscheidung leicht, Jugendlichen mit Migrationshintergrund eine Chance zu geben?

Ehrlich: Die Entscheidung fiel mir nicht so leicht. In der Vergangenheit hatten wir schon mehrere Anfragen, die ich immer abgeblockt habe. Manche Bewerber hatten sehr wenig Deutschkenntnisse, anderen fehlten die Umgangsformen. Zudem hatte mir mal jemand fälschlicherweise erzählt, dass man als Ausbilder von Geflüchteten verpflichtet ist, der Ausländerbehörde zu melden, wenn der Lehrling mal zu spät kommt zu spät kommt. Das hat mich alles abgeschreckt.
 

Trotzdem haben Sie ja gesagt. Haben Sie es bereut?

Ehrlich: Nein, Manel ist sehr zuverlässig, freundlich, aufmerksam und extrem wissbegierig. Sie will am liebsten alles gleich mitmachen. Manel empfängt auch die Kunden und kümmert sich um die Terminvergabe. Man merkt, dass sie schon Wissen und Expertise aus dem Training in der Handwerkskammer mitbringt. Sie konnte zum Beispiel bereits perfekt föhnen. Insgesamt merkt man einfach, dass sie will Wir sind froh, sie in unserem Team zu haben. Genau wie Ali, der aus Syrien kommt, und auch bei uns lernt.
 

Frau Seridi, wie gefällt es Ihnen in Ihrem Ausbildungsbetrieb?

Seridi: Das Praktikum war schon großartig. Ich durfte so viel lernen! Wie man richtig Haare wäscht, wie man Tönungen verwendet oder wie man Kunden empfängt. Die Atmosphäre im Team ist sehr angenehm. Ich fühle mich richtig gut aufgehoben. Auch die meisten Kunden akzeptieren mich. Allerdings hatte ich auch schon einmal einen Kunden, der nicht wollte, dass ich ihm die Haare wasche, weil ich Ausländerin bin. Aber ich versuche, mich davon nicht beeinflussen zu lassen. Schwieriger ist es oft für mich, die Ausbildung und mein anderthalbjähriges Baby zu Hause unter einen Hut zu bekommen. Aber die aufgeben, kommt nicht infrage.
 

Gibt es Probleme mit der Sprachbarriere?

Ehrlich: Im Gegenteil. Klar, manchmal schreibt Manel noch einen Namen falsch ins Terminbuch, weil sie die nicht richtig verstanden hat. Aber insgesamt spricht sie toll Deutsch und kann dazu noch fließend Englisch und Französisch. Das ist für uns ein großer Gewinn in Bezug auf internationale Kunden, die wir immer mehr in Leipzig haben.

Seridi: Viele Kunden sind von meinen Sprachfähigkeiten begeistert, wenn sie hören, dass ich erst seit zwei Jahren in Deutschland lebe. Vor dem Lockdown war es in der Berufsschule kein Problem mitzukommen. Die Ausbilder haben Verständnis dafür, dass Deutsch nicht meine Muttersprache ist. Nun müssen wir unsere Aufgaben über ein Online-Portal herunterladen und abgeben. Das fällt mir ein bisschen schwerer. Ich sehe manchmal nicht so richtig durch, was von mir gefordert wird. Auch, weil man nicht so schnell nachfragen kann.
 

Können Sie das Projekt "Berufliche Orientierung für Zugewanderte" empfehlen?

Seridi: Absolut. Das Projekt "Berufliche Orientierung für Zuwanderer" hat mir insgesamt sehr geholfen. Durch das Training in der Handwerkskammer hatte ich keine Angst vor dem Praktikum, weil ich dort schon viel gelernt hatte. Ich kannte die Fachbegriffe, wusste wie man eine Lockenwelle wickelt. Und was wirklich gut war: Vorher wusste ich nicht, wie ich mich richtig in Deutschland bewerben soll, wie ich mich präsentiere, damit ich wahrgenommen werde. Das habe ich alles im Laufe des Projekts gelernt. Ich bin mir sicher: Ohne die Handwerkskammer hätte ich noch immer keinen Ausbildungsplatz.

Ehrlich: Das Projekt ist eine großartige Möglichkeit, um motivierte Azubis zu bekommen. In den Jahren zuvor hatten wir unter starkem Bewerbermangel zu kämpfen. Vor zwei Jahren beispielsweise hatte sich gar niemand beworben. Das ist jetzt zum Glück zwar anders, aber man weiß ja auch nicht, wie die Zukunft aussieht. Umso glücklicher sind wir, über das BOF-Projekt Manel gefunden zu haben.

Unternehmen im Fokus

Das Handwerk der Stadt Leipzig sowie der Landkreise Leipzig und Nordsachsen bildet das Fundament der regionalen Wirtschaft. Verantwortungsvolle und clevere Unternehmer stehen mit ihren Namen für Qualität und Zuverlässigkeit. Um die Bandbreite des Wirtschaftsbereichs zu zeigen, werden unter der Überschrift "Unternehmen im Fokus" in unregelmäßiger Folge Unternehmen exemplarisch vorgestellt.

Dieser Artikel ist auch im Deutschen Handwerksblatt - Ausgabe der Handwerkskammmer zu Leipzig 03/2021 erschienen.


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Dr. Andrea Wolter

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